Der Tag fängt im Wasser an. Bevor irgendjemand ans Ablegen denkt, schwimmen wir alle noch einmal in unserer Bucht — die Sonne steht längst hoch, das Wasser ist klar, und so einfach schön ist das. Erst dann werfen wir die Leinen los, kurz vor elf, und kaum liegen Muskö hinter uns, gehen schon die Segel hoch: Großsegel und Genua, der Wind aus Süd. Er trägt uns auf breitem Raumschot gen Nordost, gut ausgebaut, die Fahrt macht Spaß. Bis 14 kn baut der Wind auf, die Camelot legt sich sachte auf die Seite — mehr als 13° sind es nicht, alles entspannt. An backbord schieben die Leuchttürme Långgarn und später Söderhäll und Mysingeholm vorbei, die Sonne kommt und geht hinter aufziehenden Wolken. Stockholm liegt vor uns — aber weit ist es nicht mehr, knapp 32 nm, und der Tag hat noch viel vor.
Im weiteren Vormittag dreht der Wind auf Ost und fällt ab, das Segeln wird geduldiger: wir halten unseren Kurs gen Nordost jetzt als Amwind-Kurs, der Wind steht vor der Querlinie, die See ist flach. Die Luft ist auf 20 Grad gestiegen, Sonne und Wolken teilen sich den Himmel. Zwei Stunden lang arbeiten wir uns so durchs Schärenlabyrinth, Leuchtfeuer links und rechts — bevor sich der Himmel wieder aufklart und der Südostwind zurückmeldet.
Dann kommt der Nachmittag mit einer Idee. Das Segelwetter ist zu schön, um es einfach zu verschwenden — und zu unserem Ziel haben wir es eigentlich nicht mehr weit. Also beschließen wir, Stockholm vorerst links liegen zu lassen und etwas auszuprobieren, das noch keiner von uns gemacht hat: Wir segeln ein Herz. Der Südostwind schiebt uns von achtern, die Route windet sich durch enge Gewässer, wir halsen und wenden, was das Zeug hält — und auf dem Trackplot des Tages ist die Botschaft hinterher tatsächlich klar zu erkennen. Für wen sie wohl war?
Das Herz ist vollständig, und jetzt nehmen wir endlich Kurs auf unser Ziel. Mit dem Südostwind im Rücken und allen Segeln gesetzt läuft es sich leicht, der Wind schwankt, greift aber immer wieder an und schiebt uns vorwärts. An Backbord kommt Stockholm in Sicht — die Stadt, auf die wir den ganzen Tag hindurch zugesegelt sind, heute aber bewusst gemieden haben. Tyresö zieht ebenfalls backbord vorbei, der Himmel hat sich inzwischen zugezogen. Gegen halb sechs legen wir in Saltsjöbaden fest, zufrieden mit einem Tag, der mehr war als nur eine Überfahrt.